Armut abschaffen statt verwalten – Neue Formen der Zusammenarbeit schaffen

Alle regen sich über ihre Arbeit auf, aber wer Nägel mit Köpfen macht und arbeitslos wird, der schädigt irgendeine ausgedachte Solidargemeinschaft, als die wir uns Deutschland vorstellen. Solidarität bedeutet hier, dass Arbeit nicht stattfindet, um die Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen, sondern, um Profit zu generieren und daraufhin ein Teil dieses Profits dazu genutzt wird, die schlimmsten Folgen dieses Systems abzufedern. Solidarität bedeutet, für Stadt und Staat zu ackern und sich bloß nicht aufzulehnen, damit alles weiterlaufen kann. Solidarität bedeutet, dass Menschen mit fehlendem Geld oder fehlender Aufenthaltsgenehmigung zum Mitmachen erpresst werden.

Oft werden die „guten“ und „schlechten“ Arbeitslosen gegeneinander aufgewogen. Die guten sind diejenigen, die einen akzeptablen Grund für ihre Arbeitslosigkeit haben, zum Beispiel eine Krankheit oder einen Schicksalsschlag. Sie leiden schrecklich darunter, den Steuerzahlenden auf der Tasche zu liegen und schreiben jeden Tag fünfzig Bewerbungen, schaffen es aber trotzdem nicht, eine Festanstellung zu finden. Zum Beispiel, weil es weitaus mehr erwerbslose Menschen als freie Stellen gibt. Die guten Arbeitslosen sind dankbar dafür, dass der Sozialstaat ihnen diese wundervolle Chance gibt und sehen ein, dass sie als Menschen weniger wert sind als diejenigen, die hart arbeiten und Steuern zahlen.

Die schlechten hingegen genießen ihr Leben und weichen den Gewissensbissen, die sie gefälligst haben sollten, geschickt aus. Sie sehen nicht ein, dass wir alle unseren Teil beitragen müssen – manche halt, indem sie die Produktionsmittel besitzen und andere für sich schuften lassen, manche, indem sie ihre Arbeitskraft verkaufen und es vielleicht als einen Dienst an ihrem Staat (und damit natürlich ihren Mitmenschen) verklären, um das Tag für Tag auszuhalten.

Wir sind solidarisch mit allen Arbeitslosen und lehnen die Logik des Kapitalismus ab, nach der es ein Problem darstellt, wenn es „zu wenig Arbeit“ gibt, anstatt einen Anlass zu Freude. Unser Ziel ist es nicht, alle in Jobs zu bringen oder Hartz IV / Bürgergeld / Grundsicherung etc. und damit die Verwaltung und Verwertung von Arbeitslosen zu verbessern, sondern, Lohnarbeit komplett abzuschaffen.

Damit verweigern wir uns auch der Logik der Parteien, die vermeintlich auf unserer Seite stehen. Das Argument, dass es total wenige Totalverweiger*innen gäbe, basiert schon auf der Annahme, dass Arbeitslosigkeit einzudämmen ist. Dass die neue Sanktionspolitik keine Kosten spare und sogar an anderer Stelle verursache, schließt schon mit ein, dass Arbeitslose für den Staat möglichst kostengünstig verwaltet werden müssen.

Wer in Deutschland an die Macht will, beugt sich dieser Logik. Parteien nutzen vielleicht lauwarme Beteuerungen, die Lebenssituationen von arbeitslosen Menschen verbessern zu wollen, aber den Wirtschaftsstandort Deutschland im internationalen Konkurrenzkampf voranbringen müssen sie letztendlich, wenn sie gewählt werden. Und dazu gehört es nun einmal, die Arbeitslosigkeit so niedrig wie möglich zu halten und die Arbeitenden davon abzuhalten, es ihren entspannten, erwerbslosen Zeitgenoss*innen gleichzutun.

Wenn wir uns also weder auf Parteien, noch auf andere staatliche Stellen verlassen können, bleiben nur wir selbst – die Befreiung der Arbeitslosen kann wohl nur das Werk der Arbeitslosen sein.

Das bedeutet für uns, dass wir lernen sollten, Aufgaben und Tätigkeiten kollektiv und bedürfnisorientiert zu organisieren. Wir sollten konkret die Art und Weise verlernen, wie wir Organisation in der Gesellschaft gelernt haben. Also die Verteilung von Aufgaben durch Hierarchie und Autorität, getrieben von Profitinteressen, und das Ausführen durch Disziplin und Gehorsam.

Wir wollen eine Geschenkökonomie, in der Menschen nach Fähigkeiten geben und nach Bedürfnissen nehmen. Diese Form des Wirtschaftens existiert bereits und es geht darum, sie zu stärken. Uns geht es um den Ausbau von Netzwerken der Solidarität und gegenseitigen Hilfe. Dafür brauchen wir keine neue zentrale Organisation, sondern diese Netzwerke entstehen überall dort, wo wir uns solidarisch verhalten und konkret umverteilen. Diese in Ansätzen breit in der Gesellschaft verankerten Praktiken haben das Potential, die Gesellschaft grundlegend zu verändern, indem sie sich weiter ausbreiten. Konkret sehen wir das schon, wenn wir Freund*innen beim Umzug helfen, zum Amt begleiten, auf die Kinder aufpassen, sie in schwierigen Momenten emotional unterstützen oder auch auf ein Abendessen zu uns nachhause einladen.

Wie schützen wir uns gegen Missbrauch dieser Strukturen? Unsere Empfehlung ist, dass wir auf unser Gefühl vertrauen, die Menschen kennenlernen, mit denen wir uns organisieren und klare Grenzen kommunizieren, wenn wir das Gefühl bekommen, dass eine Person sich nicht korrekt verhält. Und wir sollten uns gleichzeitig bewusst sein, dass Bedürfnisse und Fähigkeiten bei jedem Menschen unterschiedlich sind. Nur, weil uns etwas leichtfällt oder wir bestimmte Dinge nicht für ein erfülltes Leben brauchen, muss das für andere Personen noch längst nicht gelten.

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